02.07. | Demokratietagung „Politisch Handeln im autoritären Sog: UNGEHORSAM “ | Online

Urheber/in: Stefanie Busch. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons License CC BY-NC-SA 3.0.

9:45-16:00 Online via BigBlueButton

Ungehorsam macht Ungerechtigkeit und den Protest dagegen sichtbar. Mit Mitteln des Ungehorsams haben sich viele Gruppen in unserer Gesellschaft erst Gleichberechtigung erkämpft. Ungehorsam hat darüber hinaus ein emanzipatorisches Potential, er birgt die Möglichkeit für neue Ideen und politische Veränderungen.

Zurzeit scheint das für Sachsen in weiter Ferne. Die Forderungen und Parolen rechtspopulistischer und neo-faschistischer Bewegungen münden vermehrt in autoritäre Politik. Politische Initiativen und Zivilgesellschaft stehen unter Druck, ihre Tätigkeiten unter Verdacht. Selbst das Retten von Menschenleben im Mittelmeer kann ein Akt des Ungehorsams sein. So gilt gerade im autoritären Sog: Demokratie lebt vom Ungehorsam.

Auf der Tagung wollen wir die Fragen diskutieren, wie viel Ungehorsam die Demokratie braucht, welches utopische Potential sich in Formen des Ungehorsams verbirgt und was Ungehorsam im autoritären Sog bedeutet.


Anmeldungen

Die verbindliche Anmeldung beginnt im Juni. Bitte geben Sie dafür an, an welchem Workshop Sie teilnehmen möchten sowie einen Alternativ-Workshop. Fragen zur Barrierefreiheit stellen Sie bitte mit Ihrer Anmeldung.

(VERLÄNGERT) Anmeldeschluss ist der 1. Juli.

Der Einführungsvortrag wird in Deutsche Gebärdensprache simultan übersetzt. Die Dolmetscher:innen stehen am Nachmittag für einen Workshop zur Verfügung.

Die Teilnahme ist kostenfrei. Die Teilnahmezahl ist begrenzt.


Programm

9.45 Uhr Ankommen und technische Fragen

10 Uhr Begrüßung

10.15 Uhr Vortrag und Diskussion

Standhalten im autoritären Sog – Über zivilen Ungehorsam, Unterbrechung und Passivität mit PD Dr. Julia Schulze Wessel, Politikwissenschaftlerin

Der Vortrag wird in Deutsche Gebärdensprache übersetzt

12 bis 13.30 Uhr Mittagspause

13.30 Uhr bis 15.30 Uhr Workshop-Phase mit Pause

  1. Ungehorsam für Bleiberecht. Kirchenasyl und Bürgerasyl
  2. Blockieren
  3. arbeiten unterlassen – feministisches Streiken als politisches Handeln
  4. Unter Extremismusverdacht: Antifaschismus und demokratische Zivilgesellschaft
  5. „Ungehorsam“ von rechts und wie wir (kreativ) damit umgehen
  6. Berichterstattung über Protest – Was brauchtʼs für die Schlagzeile von morgen?

15.30 Uhr gemeinsamer Abschluss


Vortrag

Standhalten im autoritären Sog – Über zivilen Ungehorsam, Unterbrechung und Passivität

PD Dr. Julia Schulze Wessel

Die Idee des zivilen Ungehorsam repräsentiert die Wertschätzung der handelnden, in die Geschehnisse eingreifenden und dem Politischen gegenüber aufmerksamen Bürger:innen. Sie symbolisieren in ihren Aktionen diejenigen, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht tatenlos zusehen, sondern sich dafür einsetzen, die Bedingungen, unter denen wir leben, zu verändern. Die Rolle der aktiven Bürger:in wird in vielen Demokratietheorien als elementar gewertet. Es gibt aber auch (zunehmend) Kritik an der unbezweifelten Bevorzugung der Aktivität und des Tuns. Denn das Ideal der Aktivbürger:innen entspreche der zunehmenden „Entgrenzung von Kompetenzanforderungen“ (Kathrin Busch), auf die mit Überlegungen zur Passivität geantwortet wird. Beide Perspektiven werden im Vortrag vorgestellt und mit dem Publikum diskutiert. Dabei soll ein besonderer Schwerpunkt auf der Frage liegen, welche Beziehungen innerhalb dieser verschiedenen Tätigkeiten gedacht werden können.


Julia Schulze Wessel ist Geschäftsführerin von anDemos – Institut für angewandte Demokratie- und Sozialforschung e.V. in Dresden. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Demokratietheorie, Grenzen der Demokratie, Partizipation, Flucht und Migration.

Der Vortrag wird in Deutsche Gebärdensprache übersetzt.


Workshops

1) Ungehorsam für Bleiberecht. Kirchenasyl und Bürgerasyl

Workshop 1 mit Johannes Richter und Petra Schickert (Kulturbüro Sachsen e.V.)

Asylrechtsverschärfungen und wachsende staatliche Repressionen stellen zivilgesellschaftliche Initiativen vor neue Herausforderungen. Kreative Methoden des Protestes werden genauso gebraucht wie die Unterstützung von Menschen im Kirchenasyl.

Warum braucht es zivilen Ungehorsam gerade im deutschen Asylsystem? Wo wird Ungehorsam legitim und notwendig? Wo war er bereits erfolgreich? Diesen und weiteren Fragen soll im Workshop nachgegangen werden.


Petra Schickert ist Fachreferentin und Johannes Richter Bildungsreferent beim Kulturbüro Sachsen mit dem Schwerpunkt Flucht, Asyl und Migration.


2) Blockieren

Workshop 2 mit Julika Mücke und Andrea Pabst.

Von Neonazis über rechte Parteien und christliche Fundamentalist:innen bis hin zu Atomkraft und Braunkohletagebau – Blockaden sind das sichtbarste Mittel des zivilen Ungehorsams. Blockaden schaffen Öffentlichkeit und drücken Protest aus. Zugleich stehen sie in der Kritik, denn sie greifen mitunter in die Versammlungsfreiheit anderer ein.

Im Workshop diskutieren wir diese aktuelle Protestform anhand vielfältiger Beispiele: Wann sind Blockaden ein legitimes Mittel? Wann sind sie sinnvoll und was können Bewegungen voneinander lernen?


Julika Mücke forscht zur Legitimation von Protest in Medien und anderen Öffentlich-keiten. In ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit diskursiven Aushandlungsprozessen zur (De-)Legitimation von Rioting als Protest gegen Rassismus im Anschluss an den Tod von Michael Brown 2014 in den USA. Sie lebt in Hamburg und ist dort derzeit politisch vor allem in queerfeministischen Kontexten aktiv.

Interview mit Julika Mücke im Tagungsband „Politisch Handeln im autoritären Sog“

Andrea Pabst beschäftigte sich in ihrer Promotion mit dem Umgang mit Verletzlichkeit in linkspolitischem Aktivismus. Zivilen Ungehorsam versteht sie vor allem als politisch umkämpften Begriff, mit dem sehr unterschiedliche Formen des Protests mit ebenso verschiedenen Intentionen benannt werden. Sie lebt in Hamburg und arbeitet als Beraterin in einer Frauen- und Partnerschaftsberatungsstelle sowie als Trainerin und Moderatorin unter anderem in der politischen Bildungsarbeit.



3) arbeiten unterlassen – feministisches Streiken als politisches Handeln

Workshop 3 mit Rosa Klee

Wie kann ein Unterlassen ein Handeln sein? Wenn politisches Handeln immergleiche Abläufe unterbricht und so neue Anfänge ermöglicht (Hannah Arendt sagt das), dann ist die Praxis des Streiks vielleicht das wirksamste Mittel gemeinsamen politischen Handelns im Kapitalismus.

Es ist jedoch selten eine Unterbrechung der Verhältnisse, wenn ein Mann* den Abwasch oder das Kümmern um Beziehungen „unterlässt“. Die aktuell erstarkenden feministischen Streikbewegungen betreffen nicht nur bezahlte Lohn-, sondern gleichzeitig unbezahlte Haus- und Sorgearbeiten – jene abgewerteten und oft gar unsichtbaren Tätigkeiten, die weiterhin größtenteils von FLINTA* und BiPOC verrichtet werden (dieser Kapitalismus ist patriarchal und rassistisch). Die Arbeiten, die nicht nur in Krisen, sondern auch normalerweise, alles zusammenhalten. Die Tätigkeiten, die in der Pandemie als „systemrelevant“ geadelt und beklatscht wurden, jedoch weiterhin nicht (auch ökonomisch) anerkannt werden. Who cares? Wir, aber uns fehlen einfach die Druckmittel.

Was passiert eigentlich, wenn wir unsere Arbeiten nicht verrichten? Was hindert uns, unsere kollektive Macht zu nutzen? Wie werden wir massenhaft streikfähig – zumal in Deutschland? Wie können wir uns, auf feministische Weisen, so organisieren, dass wir wirklich grundsätzliche Veränderungen in den Sorge-Verhältnissen erstreiten?

Im Workshop können solche Fragen diskutiert werden. Als Anregung erfahrt ihr etwas über die bisherigen Aktivitäten und Erfahrungen des F*Streik Netzwerk Dresden.


Rosa Klee ist Musikerin, Philosophin und Gewerkschaftsmitglied der branchenübergreifenden und basisdemokratischen FAU (Freie Arbeiter:innen Union) Dresden. Dort übt sie in der AG Feministische Kämpfe Theorie und Praxis feministischen Streikens.


4) Unter Extremismusverdacht: Antifaschismus und demokratische Zivilgesellschaft

Workshop 4 mit Solvejg Höppner und Franz Hammer (Kulturbüro Sachsen e.V.)

Ist es heute schon ein Ausdruck von Ungehorsam, für antifaschistische Werte einzustehen? Demokratieerklärung, „Neutralitätsgebot“ und Entzug der Gemeinnützigkeit: Seit Jahren sind staatlich geförderte Projekte und Initiativen, die für eine demokratische Kultur und gegen Rechtsextremismus arbeiten, Misstrauen ausgesetzt. Das gewinnt eine völlig neue Dynamik, wenn in den kommunalen Ausschüssen und Parlamenten neurechte Wählerbündnisse und rechtspopulistische Parteien agieren.

Wie kann man unter diesen Bedingungen überhaupt arbeitsfähig bleiben? Welche Formen und Möglichkeiten des Widersprechens und Umgangs sind möglich? Wie können solidarische, breit angelegte Bündnisse eingegangen werden? Diese Fragen wollen wir gemeinsam diskutieren.


Solvejg Höppner und Franz Hammer sind das Mobile Beratungsteam (MBT) – Regionalbüro Nordwest beim Kulturbüro Sachsen.

Zum Beitrag »Antifaschismus – ein unbequemes Konzept« von Solvejg Höppner im Tagungsband »Politisch Handeln im autoritären Sog«


5) „Ungehorsam“ von rechts und wie wir (kreativ) damit umgehen

Workshop 5 mit Michael Nattke (Kulturbüro Sachsen e.V.)

In den letzten Jahren haben auch extrem rechte Akteure immer wieder auf unterschiedliche Formen des zivilen Ungehorsams zurückgegriffen, um mit ihren Aktionen eine große Öffentlichkeit zu erreichen. Im Workshop möchten wir mit den Teilnehmenden den Ungehorsam von rechts diskutieren und einordnen. Gemeinsam möchten wir geeignete Ideen für einen kreativen Umgang mit diesen Aktionen von rechts, abseits von Verboten und Strafanzeigen, erarbeiten.


Michael Nattke ist Fachreferent beim Kulturbüro Sachsen mit dem Schwerpunkt extreme Rechte in Ostdeutschland.

Zum Beitrag »Gegen die Vereinnahmung zivilen Ungehorsams von rechts – eine ideengeschichtliche Verteidigung« von Huyen Vu und Michael Nattke im Tagungsband »Politisch Handeln im autoritären Sog«



6) Berichterstattung über Protest – Was brauchtʼs für die Schlagzeile von morgen?

Workshop 6 mit Tobias Prüwer (Kreuzer Leipzig)

Der Einsatz für Grund- und Menschenrechte, die Stärkung demokratischer Kultur, die Akzeptanz von Vielfalt in unserer Gesellschaft: Viele Themen progressiver Aktivist:innen enthalten keinen Skandal, übertreten keine Grenzen und brechen keine gesellschaftlichen Tabus. Wie können sie es dennoch schaffen, Medienschaffende für ihre Aktionen zu interessieren?
Im Workshop mit Kreuzer-Redakteur Tobias Prüwer schauen wir ganz praktisch, wie Engagierte die Berichterstattung über Aktionen und Proteste durch eine gute Öffentlichkeitsarbeit begünstigen können.


Tobias Prüwer ist freier Kulturjournalist und schreibt unter anderem für das Leipziger Stadtmagazin kreuzer, für Der Freitag, Jungle World, Nachtkritik und Jüdische Allgemeine.

Zum Beitrag »Aktivismus in der medialen Aufmerksamkeitsökonomie« von Tobias Prüwer im Tagungsband »Politisch Handeln im autoritären Sog«


Eine Veranstaltung von

Eine gemeinsame Tagung von Netzwerk Tolerantes Sachsen, Kulturbüro Sachsen und Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen


Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Gefördert

TolSax Konkret

Auf unseren jährlichen Vernetzungstreffen diskutieren wir aktuelle Entwicklungen, Probleme in den einzelnen Regionen Sachsens und Eure Bedarfe. Ihr könnt Euch weiterbilden und andere Engagierte kennenlernen. Ihr habt Fragen oder möchtet Euch für eine TolSax Konkret anmelden? Schreibt uns!