12.05. | Spätstalinistische Säuberungen. Das Beispiel des Slánský-Prozesses Buchvorstellung mit PD Dr. Jan Gerber | Ort folgt

19:00-21:00 Informationen zum Ort folgen

Autor_innen: Treibhaus Döbeln e.V.

Im November 1952 fand in Prag der letzte stalinistische Schauprozess statt, der auch große Auswirkungen auf die DDR und die anderen Staaten des Ostblocks hatte. 14 hochrangige Funktionäre des Staats- und Parteiapparats der Tschechoslowakei, darunter Rudolf Slánský, der vormalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei, wurden beschuldigt, sich gegen die volksdemokratische Ordnung verschworen zu haben. Elf von ihnen wurden zum Tode verurteilt und kurz darauf gehenkt. Der Slánský-Prozess unterschied sich nicht nur in seiner Größendimension von den anderen politischen Prozessen des beginnenden Kalten Kriegs, sondern auch durch seinen offen antisemitischen Charakter. Die Mehrheit der Angeklagten war jüdischer Herkunft; parallel zum Tribunal wurden Juden aus allen mittleren und höheren Positionen des Staats- und Parteiapparats der Tschechoslowakei und vieler anderer Staaten des sowjetischen Machtbereichs verbannt. Aus der DDR flohen hunderte Jüdinnen und Juden in den Westen, weil sie Angst vor erneuter Verfolgung hatten.

Dennoch ging der Slánský-Prozess nicht allein auf die Initiative der Sowjetunion und ihren Interessenwandel im Nahen Osten – weg von Israel, hin zu seinen arabischen Nachbarstaaten – zurück. In ihm verschafften sich zugleich die Nationalitätenkämpfe der Zwischenkriegszeit, die komplizierte Akkulturationsgeschichte der böhmischen und mährischen Juden und die Erfahrung der deutschen Okkupation Ausdruck. Auf einer verborgenen Ebene steht der Slánský-Prozess zudem für das Ende der Geltungskraft des Begriffs der Klasse, der in der Zwischenkriegszeit entscheidend zur Anziehungskraft des Kommunismus auf junge Jüdinnen und Juden beigetragen hatte.

PD Dr. Jan Gerber ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig. Zuletzt von ihm erschienen: Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus, München: Piper 2018; Ein Prozess in Prag. Das Volk gegen Rudolf Slánkský und Genossen, 2. Auflage, Göttingen/Bristol: Vandenhoeck & Ruprecht 2017.

Die Veranstaltung findet am 12. Mai um 19 Uhr statt. Im Anschluss an die Buchvorstellung steht der Referent für Fragen zur Verfügung. Weitere Informationen folgen.

Die Buchvorstellung erfolgt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Sozialistisch, nationalistisch, antisemitisch?!“ – Das Verhältnis der DDR zum Antisemitismus und wird von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert.

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die neonazistischen Parteien oder Organisationen angehören, der neonazistischen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Mehr Informationen

Treibhaus e.V. Döbeln

Der Treibhaus e.V. Döbeln ist ein soziokulturelles Zentrum im Landkreis Mittelsachsen und bietet Projekte zu Integration, politischen Bildung, Jugendarbeit und viel Raum für Begegnung im Café Courage.