Konturen einer Zivilgesellschaft? Organisiertes Engagement in Sachsen

Autor_innen: Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt | Holger Backhaus-Maul, Lina Hehl, Rudolf Speth
Das Engagement von Bürger:innen und die Organisationen des Engagements bilden den Nukleus von Konzepten einer Zivilgesellschaft. Am Beispiel des organisierten Engagements in Sachsen werden – vor dem Hintergrund von staatlichem Institutionentransfer und gesellschaftlicher Institutionenbildung in Ostdeutschland – die Handlungslogik und Handlungspraxis im organisierten Engagement untersucht. Mittels leitfadenbasierter und teilstandardisierter Interviews wurden in zwei Erhebungswellen (2020 und 2024) Expert:innen in Engagementorganisationen danach gefragt, welche Engagementvorstellungen vertreten, welche organisationalen Aufgaben und Probleme benannt und wie die politisch-administrativen Rahmenbedingungen des organisierten Engagements in Sachsen beurteilt werden. Die Expert:inneninterviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob und inwiefern sich im organisierten Engagement in Sachsen die Konturen einer Zivilgesellschaft andeuten.
Aus der Studie:
„Faktisch hat das organisierte Engagement in Sachsen kaum Macht und Einfluss, um einer Polarisierung von Gesellschaft und Bestrebungen zur Zersetzung von Demokratie etwas entgegenzusetzen: Das organisierte Engagement ist in Sachsen weder „Kitt der Gesellschaft“ (Putnam 2001), noch ein machtpolitischer Faktor. Dazu fehlen dem organisierten Engagement in Sachsen vor allem ein kollektiv geteiltes Verständnis von sich selbst als organisiertem Engagement und Zivilgesellschaft (Gille et al. 2024; Strachwitz et al. 2020).
Damit verdeutlichen die empirischen Befunde, dass das organisierte Engagement in Sachsen nicht die Bedeutung hat, die ihm aktuell zugeschrieben wird. Vom organisierten Engagement in Sachsen selbst geht mehrheitlich nicht die Zielsetzung aus, eine gesellschaftsgestaltende Kraft sein zu wollen. Die für demokratische Gesellschaften existenziellen Kontroversen und Konflikte werden vom organisierten Engagement weder initiiert noch geführt. Steffen Mau diagnostiziert vielmehr mit Blick auf engagierte Bürger:innen „Gefühle der Hilflosigkeit und der politischen Marginalisierung“ (2024: 110), die auch in den empirischen Befunden dieser Studie deutlich werden.“
