TolSax Update | Newsletter Juli 2022

Heute ausnahmsweise einen Tag früher: Zum letzten Tag des Pride-Month schicken wir euch das #TolSaxUpdate Juli mit einem Editorial von Vera Ohlendorf vom Projekt Que(e)r durch Sachsen – Mobil im ländlichen Raum (RosaLinde Leipzig e.V.) über queeres Leben und die Geschichte der CSDs – von denen immer mehr auch in Sachsen stattfinden. Viel Freude bei der Lektüre!

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Editorial von Vera Ohlendorf, Projekt Que(e)r durch Sachsen – Mobil im ländlichen Raum, RosaLinde Leipzig e.V.

Liebe Mitglieder, liebe Engagierte,

der Juni war Pride-Month. Er steht weltweit für Akzeptanz und Selbstbewusstsein von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen, nichtbinären, asexuellen, aromantischen und queeren Menschen (LSBTIANQ+) und hat mit zahlreichen Veranstaltungen die Sichtbarkeit der Lebensrealitäten und Diskriminierungserfahrungen von LSBTIANQ+ erhöht. Jetzt im Juli also alles vorbei?

Keineswegs. Queere Communities erinnern immer häufiger an die Stonewall Riots. Wie an vielen anderen Tagen auch fand am Morgen des 28. Juni 1969 eine Razzia in der New Yorker Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street statt. Wie so oft kam es zu Polizeigewalt gegen queere Menschen und insbesondere queere BIPOC (Black, Indigenous, People of Color). An diesem Tag jedoch wehrte sich die Community, es kam zu tagelangen Kämpfen. Christopher Street Days (CSDs) bzw. Prides werden seitdem weltweit gefeiert, um auf rechtliche Benachteiligungen, Ausgrenzungen und Gewalt gegen LSBTIANQ+ hinzuweisen.

53 Jahre Straßenkämpfe haben leider nicht ausgereicht, um Queerfeindlichkeit und Rassismus zu beenden. Die Morde in Oslo vom 25.6. sind einmal mehr trauriger Beweis. Die Stimmen dagegen werden aber lauter, selbstbewusster und vielfältiger, auch in Sachsen. 2019 fanden CSDs in vier sächsischen Städten statt: in Pirna, Chemnitz, Leipzig und in Dresden. 2021 kamen trotz Corona-Einschränkungen mindestens 4 Städte dazu: Zwickau, Riesa, Görlitz und Taucha, wobei letzterer CSD wegen massiver Bedrohungen durch Neonazis vorzeitig abgebrochen werden musste.

2022 feiern wir bereits in mindestens 12 sächsischen Städten Christopher Street Days. Stollberg bildete am 11. Juni den Auftakt (leider verbunden mit Eierwürfen und verbalen Angriffen von rechts), Torgau folgte am 19. Juni. Vor uns liegt ein CSD-Marathon mit Demonstrationen in Riesa, Plauen, Leipzig, Pirna, Döbeln, Taucha, Zwickau, Görlitz, Dresden und Chemnitz. Ich bitte um Verzeihung, sollte ich Orte vergessen haben: Es ist schwer, den Überblick zu behalten.

Der Trend spiegelt sich bundesweit: immer mehr CSDs finden statt, immer mehr Menschen setzen sich in kleinen Orten für Sichtbarkeit und Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ein. Lange schon hat Pirna den Titel „kleinster CSD Deutschlands“ an Dörfer verloren. Längst reichen Juni und Juli nicht mehr aus, bis in den Oktober wird gefeiert und demonstriert.

Nicht nur in Sachsen geht die stärkere Sichtbarkeit aber mit Bedrohungen, verbalen Angriffen und körperlicher Gewalt einher. Nicht in allen Landkreisen ist die Polizei angemessen vorbereitet und sensibilisiert für den Ernst der Lagen. Einige Bürgermeister*innen hissen stolz die Regenbogenfahne und werten den CSD „ihrer“ Stadt als Zeichen für Weltoffenheit. Das Gegenteil ist der Fall: CSDs sind, insbesondere in den kleinen Städten, Teil der Kämpfe gegen die Verhältnisse.

LSBTIANQ+ leben in allen Orten Sachsens, werden in den Landkreisen und im ländlichen Raum aber kaum sichtbar und leben teils isoliert. Oft bekommen wir zu hören: „Solche Leute gibt es hier nicht“. Queere Menschen stoßen entsprechend auf erhebliche Zugangsbarrieren, Unsicherheiten und Diskriminierungen in Sport- und Freizeiteinrichtungen, Beratungsstellen, Bildungsinstitutionen, medizinischen Einrichtungen und allen anderen sozialen Bereichen und thematisieren das in unseren Beratungsgesprächen.

Die Kämpfe queerer Menschen werden sichtbarer und lauter. Einige CSDs beziehen endlich auch queere BIPoC und queere Geflüchtete in Sachsen mit ein. Die Baustellen bei der Auseinandersetzung mit Rassismus sind, auch innerhalb der Communities, aber nach wie vor groß.

Für den Erfolg queerer Kämpfe im sächsischen ländlichen Raum ist die Solidarität queerer und nicht-queerer Großstädter*innen in jedem Fall unabdingbar. Viel Spaß bei der Lektüre des Juli-Newsletters wünscht

Vera Ohlendorf, Projekt Que(e)r durch Sachsen – Mobil im ländlichen Raum, RosaLinde Leipzig e.V. | kontakt@rosalinde-leipzig.de

Die Koordination erreicht ihr unter:
Antonia | redaktion@tolerantes-sachsen.de
Annegret | koordination@tolerantes-sachsen.de | 0178 54 45 807 | 03425 82 98897
Frank | buero@tolerantes-sachsen.de | 0177 466 06 51 | 03425 82 999 59

Auf unserer Website unter Koordination erfahrt Ihr, welche Mitarbeiter_in aus der TolSax-Koordination für welche Eurer Fragen die richtige Ansprechperson ist.

Anmerkung: Die Einleitung spiegelt nicht die Meinung des Netzwerkes oder des Sprecher_innenrates wieder, sondern einzig der Verfasser_innen.

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