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TolSax Update | März 2026

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Im Editorial des März-Newsletters plädiert Anna Sabel vom Verband Binationaler Familien und Partnerschaften Leipzig für eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus, welche diesen als gesamtgesellschaftlichem Problem wahrnimmt, das unterschiedliche Ausdrucksformen annimmt. Wie gewohnt findet Ihr im Newsletter Termine, Fördertipps und weitere Anregungen für Euer Engagement in Sachsen.

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Editorial von Anna Sabel | Verband binationaler Familien und Partnerschaften Leipzig

Liebe Mitglieder, liebe Engagierte,

Ende 2025 erschien das Working-Paper des DeZIM-Instituts „Importierter Antisemitismus?“. Als politische Bildner_innen, die zu antimuslimischem Rassismus arbeiten, haben wir uns ein wenig vor den Reaktionen auf die Veröffentlichung gefürchtet. Und man konnte den Eindruck gewinnen, den Verfasser_innen des Paper ging es ebenso. Jedenfalls organisierten sie im Vorfeld zahlreiche Gespräche mit Zivilgesellschaft, um die Veröffentlichung gut vorzubereiten. Und selbstverständlich tun Wissenschaftler_innen, die den Begriff „importierter Antisemitismus“ bereits im Titel reproduzieren, gut daran, sich über eine achtsame Öffentlichkeitsarbeit Gedanken zu machen. Rassistische Vereinnahmungen der Thematisierung von Antisemitismus lassen sich regelmäßig wahrnehmen. Die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze hat antimuslimischen Rassismus unter anderem über die Diskursfiguren beschrieben, die er hervorbringt: Bilder vom queerfeindlichen Anderen, dem Frauen unterdrückenden Anderen, dem sexualisierte Gewalt ausübenden Anderen, dem terroristischen Anderen und eben dem antisemitischen Anderen. Wer das Paper liest, erfährt, dass auch in manchen migrantischen Gruppen, die weniger mit dieser als mit anderen Zuschreibungen zu kämpfen haben, Antisemitismus ganz ähnlich stark vertreten ist wie unter Menschen aus islamisch geprägten Ländern. Das ist keine sonderlich ermutigende Information. Aber sie macht sichtbar, wie wirkmächtig stereotype Zuschreibungen sind und wie wenig sie mit einer differenzierten Analyse von Antisemitismus zu tun haben.

Sich ernsthaft klarzumachen, dass muslimische und muslimisch gelesene Menschen in Deutschland häufig mit dem projizierten Bild des antisemitischen Anderen konfrontiert sind, könnte Debatten über Antisemitismus verändern. Nicht im Sinne einer Relativierung, sondern im Sinne einer Verschiebung der Perspektive. Weg von der kulturalisierenden Zuschreibung, hin zu einer Auseinandersetzung mit Antisemitismus als gesamtgesellschaftlichem Problem, das unterschiedliche Ausdrucksformen annimmt. Das würde auch ermöglichen, darüber ins Gespräch zu kommen, inwiefern DDR-Sozialisierung und die damit verbundenen Erfahrungen der Bezugnahmen auf Israel und Palästina, der Interpretation internationaler Politik oder der Formulierung von Solidarität einen Unterschied in der Wahrnehmung der aktuellen Debatten machen können und was wir daraus lernen wollen. Auch diese Unterschiede aufzuzeigen, ohne sie zu essentialisieren, kann Debatten erweitern.

Ein Forschungsergebnis des DeZIM-Instituts zeigt besonders anschaulich, weshalb Wachsamkeit geboten ist, wenn Antisemitismusdebatten stattdessen verengt werden. Gerade diejenigen, die besonders laut über „importierten Antisemitismus“ sprechen, weisen selbst überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen auf und zu antimuslimischem Rassismus ohnehin. Wirklich überraschend ist das nicht. Bemerkenswert bleibt jedoch, wie konsequent diese Befunde im öffentlichen Diskurs in den Hintergrund treten.

Kürzlich hat die Antisemitismusforscherin Sina Arnold auf einem Podium auf die Frage nach dem Verhältnis von Rassismus- und Antisemitismusdefinitionen geantwortet: „Es ist eine harmlose Frage, aber es sind keine harmlosen Zeiten.“ Umso mehr braucht es Räume, in denen diese Fragen gestellt werden können, ohne dass sie vereinnahmt, verkürzt oder gegen andere gewendet werden.Viel Spaß bei der Lektüre des März-Newsletters wünscht

Anna Sabel | Verband binationaler Familien und Partnerschaften Leipzig | sabel@verband-binationaler.de

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Anmerkung: Die Einleitung spiegelt nicht die Meinung des Netzwerkes oder des Sprecher_innenrates wieder, sondern einzig der Verfasser_innen.

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