Keine weiteren Stolpersteine in Heidenau mehr?

Autor_innen: AkuBiZ e.V.

Stolpersteine sind kleine Gedenktafeln, die in den Boden eingelassen werden und an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Sie gehen auf ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig zurück. In Heidenau erinnern solche Gedenksteine bereits an den ehemaligen Bürgermeister Paul Gröger, der nach den Misshandlungen im KZ Hohnstein Suizid beging, und die jüdische Familie Reiner. Letztere wurden auf Initiative von Schüler:innen verlegt.

Eine Initiative aus der Heidenauer Stadtgesellschaft setzt sich nun dafür ein, weitere Stolpersteine bspw. für Martha und Fritz Goldstein in den kommenden Jahren zu verlegen. 

Die Initiative stellte im Februar 2025 bei der Stadt Heidenau einen Antrag auf die Genehmigung zusätzlicher Gedenksteine. Der Antrag umfasste auch die Finanzierung der Stolpersteine der Initiative und bot der Stadt die Kostenübernahme der Tiefbaukosten des städtischen Bauhofes an. Auf Nachfrage zum Bearbeitungsstand im Oktober wurde die Initiative zuerst auf die Stadtratssitzung im Dezember vertröstet, dann wiederum auf die Novembersitzung. Im Dezember wurde auf das neue Jahr verwiesen. Mittlerweile fordert die AfD-Fraktion in einem Antrag1, keine Stolpersteine mehr in Heidenaus Stadtgebiet zu verlegen. Das von Heidenauer Einwohner:innen ehrenamtlich getragene bürgerschaftliche Engagement zur individuellen Erinnerung soll durch die Schaffung eines noch nicht näher bezeichneten allgemeinen Erinnerungsortes auf dem Nordfriedhof, getragen und finanziert von der Stadt, ersetzt werden. Begründet wird dies damit, dass Menschen auf die Stolpersteine treten und über ihre Namen hinweggehen könnten.

Anne Nitschke:

„Ja, es gibt aus den genannten Gründen Kritik an der Verlegung von Stolpersteinen. Respektloses Verhalten kann auch bei anderen Erinnerungsformen auftreten. Das Konzept der Stolpersteine sieht vor, dass man sich beim Lesen der Inschrift zwangsläufig verneigt – eine stille Geste der Achtung vor den Opfern. Zusätzlich übernehmen Bürger:innen Verantwortung in guter Form von Patenschaften für die Stolpersteine, reinigen und pflegen sie regelmäßig und gedenken so kontinuierlich den Menschen hinter dem Namen.“

Ziel der Nationalsozialisten war die Auslöschung der Identität ganzer Bevölkerungsgruppen. Jeder Stolperstein erinnert an einen Menschen, an sein Leben und an den Weg seiner Verfolgung. Für jede Person wird ein eigener Stein am letzten freiwillig gewählten Wohnort gesetzt. Den Opfern des Nationalsozialismus werden damit ihre Namen und damit auch ihre verlorenen Identitäten zurückgegeben. Es wird darauf aufmerkam gemacht, dass die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in der direkten Nachbarschaft stattfand. Sie begann mit Ausgrenzung und Erniedrigung im Alltag und endete letzendlich mit Deportation und der industriellen Vernichtung.

Anne Nitschke:

Die Verlegung von Stolpersteinen ermutigt dazu, selbst tätig zu werden und stärkt zivilgesellschaftliches Engagement. Denn diese Erinnerungszeichen sind im öffentlichen Raum gut sichtbar und werden im Alltag wahrgenommen. Zum Anderen ist deren Verlegung ein fortlaufender Prozess. So befassen sich die Bürger mit den konkreten Schicksalen verfolgter Menschen – und damit verbunden auch den Täterschaften im eigenen (Wohn-)Umfeld. Angesichts der Millionen Opfer wird das Stolpersteinprojekt nie abgeschlossen sein. Erinnern kennt keinen Schlusstrich – letztlich ist das Stolpersteinprojekt selbst Ausdruck dieser kontinuierlichen Verantwortung.“

Der nun eingebrachte Antrag der AfD-Fraktion im Heidenauer Stadtrat zielt nicht nur darauf ab, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Er würde zugleich einen Rückschritt in der Erinnerungskultur bewirken und engagierte erinnerungspolitische Arbeit behindern.

Die Verlagerung des Gedenkens auf den Nordfriedhof – fernab des städtischen Alltags und an einen abgelegenen Ort – schafft Distanz statt Nähe. Erinnerung würde damit aus dem sichtbaren Leben der Stadt herausgelöst und in einen Randbereich verschoben.

Der Vorschlag bedeutet auch, eine lebendige bürgerschaftliche Erinnerungskultur in Heidenau auf die Schultern der Stadt zu deligieren und damit das Engagement einzudämmen. Damit werden Handlungspielräume für ehrenamtlich getragene Initativen begrenzt und zivilgesellschaftliches Engagement geschwächt.

Hinzu kommt, dass die Erstellung eines Konzeptes für einen solchen Erinnerungsort voraussichtlich Jahre in Anspruch nehmen würde. In der Konsequenz entstünde über lange Zeit hinweg kein neues Erinnerungszeichen mehr.

Problematisch ist schließlich auch die Bezeichnung des geplanten Gedenkortes für „Opfer von Krieg und Diktaturen, insbesondere des Nationalsozialismus“. Dies legt bereits den Grundstein für ein Gedenken, in dem es darum geht, durch Gleichsetzung eine Relativierung des Nationalsozialismus voranzutreiben.

Wir begrüßen ausdrücklich das ehrenamtliche bürgerschaftliche Engagement der Heidenauer Initiative und genauso das Engagement der Stadt Heidenau. Beides darf jedoch nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern kann in Zukunft nur voneinander profitieren. Den Stadtrat fordern wir auf, der Heidenauer Iniative die Verlegung weiterer Stolpersteine zu ermöglichen und den Antrag der AfD-Fraktion, der im Übrigen mit weiteren Kosten für die Stadt verbunden wäre, abzulehnen. 


 1) Unterschrieben ist der Antrag von Daniel Barthel. Mehr zu ihm nachzulesen beim Antifa Recherche Team Dresden

Weitere Informationen

Alternatives Kultur- und Bildungszentrum Sächsische Schweiz (AKuBiZ)

Wir sind ein antifaschistischer Bildungsverein aus Pirna. Im Mittelpunkt unserer Vereinsarbeit steht die Beschäftigung mit lokaler Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus. Wir setzen uns mit den Themen Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus auseinander. Für uns hören diese Themen nicht bei extrem rechten Parteien oder Gruppen auf, sondern wir betrachten diese als in der Mitte der Gesellschaft verankert bzw. aus der Mitte genährt. Zu diesen Themen laden wir für Vorträge, Seminare und Workshops Referent*innen ein oder referieren selbst zu einigen Themen. Weiterhin organisieren wir Wanderungen, Ausstellungen, Buchlesungen oder kleinere Konzerte. Du findest unsere Arbeit wichtig? Unterstütze uns jetzt mit einer Spende!

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