Analyse

EFBI Policy Paper 2026-1: Getarnt als Gewerkschaft. Die Entwertungsgewerkschaften der extremen Rechten in Europa

Download als PDF

Autor_innen: Else Frenkel-Brunswik Institut

In Europa gibt es zahlreiche gewerkschaftsähnliche Organisationen der extremen Rechten, die bislang kaum erforscht sind. Auch in Sachsen agiert mit Zentrum solch eine Organisation, die von rechts die soziale Frage instrumentalisiert. In diesem EFBI Policy Paper stellt Gastautorin Lara Janssen Ergebnisse ihrer Studie vor, in der sie das strategisch-instrumentelle Vorgehen dieser vermeintlichen Gewerkschaften in vier europäischen Ländern (Deutschland, Italien, Österreich, Spanien) erforscht hat.

Da diese Organisationen der extremen Rechten sowohl Gewerkschaften und demokratische Institutionen als auch spezifische Menschengruppen entwerten, lassen Sie sich als Entwertungsgewerkschaften bezeichnen.

Mittels ihrer Entwertungsgewerkschaften instrumentalisieren extrem rechte Akteure in Europa die soziale Frage und kreieren einen Kreislauf der Prekarisierung. Um ihr Agieren und ihre Strategie zu analysieren und fundierte Gegenkonzepte zu erarbeiten, ist es sinnvoll, das Phänomen der Entwertungsgewerkschaften nicht als isoliertes Problem eines einzelnen Landes, sondern als Teil einer Strategie der vernetzten extremen Rechten zu verstehen.

Charakteristika von Entwertungsgewerkschaften

Strategie der Mimikry

Entwertungsgewerkschaften geben sich als Gewerkschaften aus, ohne gewerkschaftsbezogene Ziele zu verfolgen. Stattdessen nutzen sie die vermeintliche gewerkschaftliche Organisierung strategisch als Vorwand, um die Arbeiterschaft zu erreichen und mit der extrem rechten Szene zu vernetzen, den Diskurs nach rechts zu verschieben und gruppenbezogen menschenfeindliche Entwertungsnarrative zu verbreiten sowie etablierte Gewerkschaften zu schwächen und zu entwerten.

Neoliberalisierung des Sozialen

Indem extrem rechte Akteure sowohl auf Parteien- als auch Gewerkschaftsebene die neoliberale Transformation der Gesellschaft vorantreiben, erhalten sie den „arbeitsweltlichen Nährboden“ ihrer eigenen Ideologie: zunehmende soziale Ungleichheit, die Verschärfung arbeitsweltlicher Problemlagen durch Leistungsdruck, Pre­karisierung und Konkurrenz sowie Kontroll- und Autonomieverluste.

Beschränkung gewerkschaftlicher Machtressourcen

Entwertungsgewerkschaften versuchen zentrale Errungenschaften der Arbeiterbewegung zu untergraben und Gewerkschaften zu schwächen, indem sie deren Machtressourcen angreifen.

Identität durch Abwertung

Extrem rechte Akteure nutzen politische Entfremdung und Abwertungserfahrungen und kreieren ein Identitätsangebot des leistungsstarken nationalen Arbeiters. Die Aufwertung des eigenen Identitätsangebots funktioniert über die Abwertung anderer Personengruppen, darunter insbesondere der vermeintlich leistungsunwilligen „fremden Anderen“. Dies geht einher mit wohlfahrtschauvinistischen Forderungen, wie etwa sozialstaatliche Transferleistungen an nationale und ethnische Kriterien zu binden.

Hetze statt Lösungen

Entwertungsgewerkschaften äußern primär Beschwerden und benennen vermeintlich Schuldige, meist ohne konkrete inhaltliche Forderungen oder Verbesserungsvorschläge für Arbeitsbedingungen aufzustellen.

Verbreitung antidemokratischer Verschwörungsideologien

Ein Großteil der Entwertungsgewerkschaften verbreitet verschwörungsideologische Narrative und inszeniert sich als demokratischer „Widerstandskämpfer“, um Misstrauen gegen demokratische und meinungsbildende Institutionen zu schüren und Hetze gegen als Gegner kategorisierte Personengruppen zu legitimieren. Sie nehmen zudem eine wissenschaftsfeindliche Haltung ein, basierend auf vermeintlich „alternativen“ Quellen und häufig einhergehend mit Diffamierungen ökologischer Politikansätze.

Über die Autorin

Lara Janssen ist Politikwissenschaftlerin und freie Journalistin. Ihre thematischen Schwerpunkte sind die extreme Rechte, Gewerkschaften und soziale Bewegungen.

Über das EFBI

Das an der Universität Leipzig angesiedelte Else-Frenkel-Brunswik-Institut (EFBI) bildet eine Forschungsinfrastruktur in Sachsen, die demokratiefeindliche Einstellungen, Strukturen und Bestrebungen erforscht und dokumentiert. Im Vordergrund stehen dabei verschiedene Formen der Diskriminierung, die Strategien und Dynamiken rechts-autoritär motivierter Bündnisse und die Stärkung demokratischer Politik.

Pressekontakt

Tilman Meckel
Referent für Wissenschaftskommunikation

Tel.: 0341 / 97-37892
E-Mail: tilman.meckel@uni-leipzig.de

Download als PDF

Weitere Informationen

Redaktion TolSax

Ihr möchtet das Netzwerk auf dieser Webseite und im monatlichen Newsletter über Eure Projekte, Termine, Analysen oder Materialien informieren? Schickt uns Eure Infos!