Antifaschismus – ein unbequemes Konzept

Solvejg Höppner

„Auch wenn jeder überzeugte Demokrat auch überzeugter Gegner des Faschismus sein muss: Antifaschismus ist keine per se demokratische Position.“1

Armin Pfahl-Traughber
(Politikwissenschaftler, Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung)

„Umso wichtiger ist es, dass wir den Begriff ‚Antifaschismus‘ wieder bürgerlich machen. Er macht die Dimension deutlich, um die es geht: nämlich nicht um ein paar Neonazis am äußersten rechten Rand, sondern um unsere Demokratie.“2

Ferda Ataman
(Journalistin, Ko-Sprecherin des Vereins Neue Deutsche Organisationen)

„Wir brauchen ein inklusives Narrativ. […] Und in Deutschland nach 1945 haben wir natürlich ein sehr starkes, vereinendes Narrativ. Und das heißt Antifaschismus. Und ich finde das sehr interessant, dass Menschen dieses Narrativ verleugnen. Und ich frage mich, was das für eine Funktion hat? […] Und es wird also verleugnet, auf welcher Basis dieses Land aufgebaut wurde, gerade mit dem Grundgesetz auch.“3

Max Czollek
(Lyriker, Publizist, Mitglied des Herausgeberkollektivs
„Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“)

„Die Linke erinnert dabei an ‚den antifaschistischen Konsens nach 1945‘, der in Gefahr stehe. Dabei war dieser Konsens in der alten Bundesrepublik ein antinationalsozialistischer und antikommunistischer. Der ‚Antifaschismus‘ der DDR hingegen war weitgehend ein Mythos.“4

Markus Wehner
(Journalist, Freier Mitarbeiter der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung)

„Antifaschismus ist nicht die richtige Antwort, sondern Demokratie.“5

Markus Ulbig
(CDU-Politiker, Sächsischer Staatsminister des Innern 2009–2017)

„Unser Selbstverständnis umfasst eine antifaschistische Haltung. Diese orientiert sich an universellen Werten wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität im Sinne eines aufklärerischen und kosmopolitischen Ideals. In unserer Satzung wird zudem ein gewaltfreies Miteinander konstatiert. Das unterscheidet sich von der hier zugrunde liegenden kleingeistigen Auffassung von ‚der Antifa‘. Antifaschismus als politische Haltung sollte Konsens und kein Randphänomen sein.“6

Judith Schilling
(Geschäftsführerin des Vereins Treibhaus e. V. in Döbeln)

Soweit eine kleine Auswahl an Zitaten, die auf das Konzept Antifaschismus Bezug nehmen. Für die einen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass es gerade in Deutschland aus der historischen Erfahrung und den politischen Entwicklungen der Gegenwart einen antifaschistischen Grundkonsens geben müsse. Für Andere verbindet sich mit Antifaschismus zumindest potentiell die Ablehnung von Demokratie.

Nicht zuletzt wird Antifaschismus mit „(Links-)Extremismus“7 in Verbindung gebracht: Das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichte am 23. Juli 2020 einen Artikel unter der Überschrift: „Antifa oder der schöne Glanz des Extremismus.“8 Gibt man in der Suchmaske auf der Startseite der Bundeszentrale für politische Bildung den Begriff Antifaschismus ein, wird als zweiter Treffer der Artikel „Antifaschismus als Thema linksextremistischer Agitation, Bündnispolitik und Ideologie“ angezeigt.9 Auch eine Suche auf der Homepage der Konrad-Adenauer-Stiftung führt vor allem zu Beiträgen, die Antifaschismus im Themenspektrum des „Linksextremismus“ verorten.


Es entsteht der Eindruck, Antifaschismus sei ein linkes, wenn nicht „linksextremes“ und unter demokratischen Gesichtspunkten eher fragwürdiges Konzept. Eine solche vereinfachende Gleichung – nur „Linksextremisten“ würden sich auf Antifaschismus berufen – birgt in der politischen Praxis Sprengstoff: pauschale Diffamierung von Personen, Vereinen und Initiativen, die ein antifaschistisches Grundverständnis leben.


Es entsteht der Eindruck, Antifaschismus sei ein linkes, wenn nicht „linksextremes“ und unter demokratischen Gesichtspunkten eher fragwürdiges Konzept. Eine solche vereinfachende Gleichung – nur „Linksextremisten“ würden sich auf Antifaschismus berufen – birgt in der politischen Praxis Sprengstoff: pauschale Diffamierung von Personen, Vereinen und Initiativen, die ein antifaschistisches Grundverständnis leben. Das bedeutet, dass öffentliche Hetzkampagnen gegen diese losgetreten werden, ihnen Fördermittel streitig gemacht werden bis hin zu Attacken auf Einrichtungen und das persönliche Umfeld. Betroffen sind

  • die letzten Überlebenden der Verbrechen des deutschen Faschismus, deren Kinder und Enkel
  • Menschen, die sich mit der NS-Geschichte in Deutschland intensiv auseinandersetzen
  • Menschen, die in einer völkisch-rassistischen Perspektive – einem zentralen Moment faschistischer Ideologie – als „nicht zugehörig“ oder „nicht deutsch“ gelabelt sind
  • Menschen, die sich mit dem Wirken faschistischer Ideologie und deren Versatzstücken in der Gegenwart auseinandersetzen

Um nur ein Beispiel zu nennen, sei auf den Treibhaus e. V. in Döbeln verwiesen. Der Verein war im Jahr 2019 heftigen Attacken seitens der AfD ausgesetzt. Unter anderem hieß es, der Verein würde offen mit „linksextremistischen“ Gruppierungen, beispielsweise „der Antifa“ sympathisieren, diesen eine Plattform geben, den Terror nach Döbeln holen. Daraufhin stand die Vergabe von Fördermitteln zur Disposition, was die Fortführung der soziokulturellen Angebote im Jahr 2020 ernsthaft gefährdete. Es wurde ein Bild gezeichnet, das Antifaschismus – zu dem sich der Verein ausdrücklich bekennt – mit „Linksextremismus“ und Terror in Verbindung bringt.10

Es handelt sich bei Antifaschismus – wie bei vielen anderen Begriffen – um ein umkämpftes Terrain: politisches Konzept einerseits; politischer Kampfbegriff andererseits.

Was hat es also mit Antifaschismus auf sich? Welche Interessen verbinden sich mit der Ablehnung oder eben mit der Einforderung eines antifaschistischen Konsenses als „inklusivem Narrativ“ (Czollek)? In welchem Verhältnis stehen Demokratie und Antifaschismus?


Es handelt sich bei Antifaschismus – wie bei vielen anderen Begriffen – um ein umkämpftes Terrain: politisches Konzept einerseits; politischer Kampfbegriff andererseits.



1Pfahl-Traughber (2008).

2Ataman (2020).

3Czollek, zitiert nach Goethe-Institut Brüssel (2020), 40:03–41:01 min (deutsche Simultanübersetzung).

4Wehner (2020).

5Ulbig, zitiert nach Kraske (2012).

6Treibhaus e. V. (2019).

7 Zur Diskussion um und Kritik an dem Extremismusbegriff und dem Hufeisenmodell vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (o. J.), Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (2011), Uhlig et al. (2019).

8Scherrer (2020).

9 Pfahl-Traughber (2008).

10Vgl. Kulturbüro Sachsen e. V. (2020).

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Aus der Publikation „Politisch Handeln im autoritären Sog“

2020 | Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, Kulturbüro Sachsen und Netzwerk Tolerantes Sachsen | Förderhinweis | ISBN / DOI 978-3-946541-39-4 | CC-BY-NC-ND 3.0

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Redaktion TolSax

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