Fact Sheet: Neorassismus – Neue Rechte und alte Ideen

Autor_innen: IDZ Jena

Seit einigen Jahren kursiert das Narrativ des ‚großen Austauschs‘ in rechtsradikalen Zirkeln, wonach eine europäische ‚Stammbevölkerung‘ durch kulturell ‚fremde‘ Bevölkerungsgruppen ersetzt werde. Das Konzept des ‚großen Austauschs‘ kann als ein Meta-Narrativ der extremen Rechten verstanden werden, das verschiedene Agitationsthemen unter einen gemeinsamen Schirm bringt – etwa Migration, ‚Islamisierung‘, Kriminalität, Elitenkritik oder Souveränität. Es verbindet dabei antimuslimischen Rassismus mit antisemitischen Stereotypen und versorgt verschiedene Spektren der extremen Rechten mit theoretischem Nährboden für die Artikulation ihrer Menschenfeindlichkeit. Häufig wird eine jüdische Verschwörung als Strippenzieherin des angeblichen ‚Austauschs‘ konstruiert.

Der Begriff der ‚Neuen Rechten‘ wird durch einen inflationären Gebrauch in Politik und Medien oft verzerrt. Dabei geht es weniger um eine temporale Neuheit eines Phänomens als vielmehr um eine Denkstruktur, die die extreme Rechte in den vergangenen Jahrzehnten stark geprägt hat. Sie ist im Frankreich der 1960er Jahre entstanden und versteht sich als rechte Gegenbewegung zur Studierendenrevolte. Es geht in ihrem ‚metapolitischen‘ Ansatz darum, langfristig auf politische Prozesse einzuwirken und die kulturelle Grundlage für eine gesellschaftliche Umgestaltung zu schaffen. Ein Kernkonzept stellt der sogenannte Ethnopluralismus dar, wonach kulturell homogene Räume und Nationen geschaffen werden sollen.

In der Forschung wird die Konstruktion angeblich homogener Kulturen und Identitäten als Neorassismus bezeichnet. So versuchen neurechte Akteure, dem Rechtsextremismus eine intellektuelle Maske aufzuziehen und alte Ideen in neue Sprüche zu verpacken. Mit dem jüngsten Erfolg rechtsextremer und rechtsradikaler Parteien wurde ihr Theoriekanon zunehmend von relevanten Akteuren übernommen. Es entstand eine vielfache Wechselwirkung zwischen rechten Parteien, Bewegungen und Denkfabriken. Die europaweit agierenden Identitären als neurechte Jugendbewegung fungieren als Verbindungselement zwischen den extrem rechten Spektren.

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Amadeu Antonio Stiftung

Die Amadeu Antonio Stiftung reagiert auf eine rechtsextreme Alltagskultur, die sich vor allem in den neuen Bundesländern verankert hat. Das Ziel der Stiftung ist es, eine zivile Gesellschaft zu stärken, die dem Problem entschieden entgegentritt. Dafür unterstützt sie Initiativen und Projekte, die kontinuierlich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus vorgehen, sich für eine demokratische Kultur engagieren und für den Schutz von Minderheiten eintreten. Die wichtigste Aufgabe der Amadeu Antonio Stiftung: Lokale Akteurinnen und Akteure über eine finanzielle Unterstützung hinaus zu ermutigen, ihre Eigeninitiative vor Ort zu stärken.