Stellungnahme: Queere Vereine in Sachsen zwischen Notstandsicherung, Innovation und Existenznot

Autor_innen: LAG Queeres Netzwerk Sachsen (Facebook)

Vereine und Initiativen in Sachsen, die sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Menschen (LSBTTIQ*) einsetzen, leisten seit vielen Jahren wertvolle Arbeit. Ihnen ist es maßgeblich zu verdanken, dass LSBTTIQ* in Sachsen Anlaufstellen für Austausch und Beratung zur Verfügung stehen, Kultur sich für queere und non-binäre Perspektiven öffnet oder in Schulen, Bildungsträgern, Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens sowie Unternehmen Aufklärung und Weiterbildung zu den Themen Vielfalt und Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt möglich ist.

Die Corona bedingten Einschränkungen treffen queere Vereine und Initiativen hart und sorgen für Unsicherheit und Existenzängste. Zügige Anpassungen sind gefordert, um Angebote qualitativ hochwertig aufrecht zu erhalten. Viele Vereine haben deshalb ihre Beratungsangebote auf andere Medien und Kanäle umgestellt – bei steigender Nachfrage. Gruppentreffen finden teils per Chat statt oder werden online neu organisiert. Hohe Zugangsbarrieren beklagen hier jedoch die Projekte der Arbeit mit queeren Geflüchteten, da in Unterkünften häufig ein Internetzugang fehlt, keine Sprachmittlung möglich ist und die Gefahren des ungewollten Outings sehr hoch sind. Aufklärungs- oder Bildungsangebote, die auf Präsenz angewiesen sind, stehen durch die herrschenden Kontaktbeschränkungen unter keinem guten Stern. Viele fallen derzeit aus, müssen konzeptuell neu gedacht und auf ihre digitale Kompatibilität hin überprüft werden. Gleichzeitig wird auch befürchtet, dass die Verschiebung bestimmter Fachformate in die zweite Jahreshälfte ein Überangebot schafft und Fach- oder Führungskräfte kaum noch zu erreichen sind.

Vor der Absage stehen derzeit auch deutschlandweit viele Demonstrationen, Paraden oder Straßenfeste rund um den Christopher Street Day – ein jährliches Ereignis queeren Selbstverständnisses und wichtiger Marker für die Communities, um für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Antidiskriminierung ein Zeichen zu setzen. Bei vielen steht die Frage im Raum, wie die Formate kreativ virtuell umgesetzt werden können. Eine gemeinsame Stellungnahme der CSD organisierenden Vereine wird am 25.04. erwartet.All dies ist mit finanziellen Sorgen verknüpft: Bewährte Einnahmequellen fallen mitunter nahezu komplett weg, so dass Eigenmittel oder die nötige Sicherung von Projekten kaum noch erwirtschaftet werden können. Auch Publikums- oder Spendeneinnahmen auf größeren Veranstaltungen sind derzeit ausgeschlossen. Angesichts des millionenschweren Hilfeprogramms des Freistaats steigen die Befürchtungen, dass die im Frühjahr begonnenen Haushaltsaufstellungen neuen Verhandlungen weichen und Gleichstellungs-, Demokratie- und Antidiskriminierungsprojekte in ihrer Förderung zukünftig nicht mehr bedacht werden. Die Angst vor Kürzungen oder Förderentzug ab 2021 wird durch Gedankenexperimente um eine Prioritätenneusetzung nach der Corona-Krise, wie sie unlängst von Götz Aly in der Berliner Zeitung vorgetragen wurden, in mehr als ungünstiger Art befeuert.

Als Dachverband queerer Vereine und Initiativen in Sachsen machen wir daher deutlich, dass Gleichstellung und Antidiskriminierung nicht als gesellschaftlicher Luxus abgetan, sondern als das anerkannt werden, was sie sind: Ein Querschnittsthema. Es geht uns alle an, wie eine Gesellschaft mit ihren Mitgliedern umgeht. Hart erkämpfte Freiräume und der Einsatz für Selbstbestimmung und ein diskriminierungsfreies Leben dürfen um keinen Schritt zurückgesetzt werden. Existenzen – egal ob queer oder nicht – dürfen zu Krisenzeiten nicht gefährdet oder gegeneinander ausgespielt werden.

LAG Queeres Netzwerk Sachsen

Die LAG Queeres Netzwerk Sachsen fördert mit Veranstaltungen, Materialien und Sensibilisierung die gleichberechtigte Teilhabe von lesbischen Frauen, schwulen Männern, bisexuellen, transgender, trans- und intergeschlechtlichen und queeren Menschen (LSBTTIQ*) und die Gleichberechtigung aller Geschlechter in deren vielfältigen Lebensentwürfen über alle Generationen hinweg in Sachsen.