Call for Papers: Tagung “Pandemie, Protest und Populismus”

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Bildquelle: Gerd Altmann auf Pixabay

Autor_innen: Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität

Call for Papers! Am 16. und 17. September 2021 findet in Leipzig die von unseren Promovierenden Richard Siegert und Tobias Fernholz sowie unserem Beiratsmitglied Fabian Virchow mitorganisierte Tagung “Pandemie, Protest und Populismus” statt. Der Call for Papers läuft bis zum 31. Januar 2021 und kann hier abgerufen werden.

Call for Papers 

Pandemie, Protest und Populismus  

Verunsicherung und Verwerfungen des Politischen nach Corona Leipzig, 16.-17. September 2021 

Die Ausbreitung von COVID-19 hat den Alltag von Menschen in der ganzen Welt innerhalb  kürzester Zeit grundlegend verändert. In der oft zitierten »Stunde der Exekutive« zeigten die  staatlichen Souveräne eindrucksvoll ihre Koordinationsgewalt über die sozialen, kulturellen  und ökonomischen Systeme. Grenzen wurden geschlossen, individuelle Freiheitsrechte zugunsten einer kollektiven Kraftanstrengung eingeschränkt, Alltagsroutinen schlagartig neuen  Ordnungsnormen unterworfen und ihr Überschreiten sozial und exekutiv sanktioniert. Ande rerseits war der erzwungene Bruch vielerorts Anstoß für eine radikale Infragestellung bisheri ger Gewohnheiten – sei es in der Fortbewegung, in der Kommunikation, in der Organisation  von Care-Verantwortlichkeiten, auf der Arbeit oder in der Schule und Universität. Zugleich  wurde deutlich, dass die gesundheitlichen Gefahren durch das Virus und die sozialen und öko nomischen Auswirkungen des Lockdowns und anderer Pandemiemaßnahmen in erheblichem  Ausmaß von sozialer Lage, Geschlecht, Beschäftigungsform und Wohnort abhängig sind. 

Die politischen Maßnahmen, die zur Eindämmung des Virus ergriffen wurden, wirken wie ein  Katalysator, der Dysfunktionalitäten und Konflikte, aber auch Transformationen des Akkumu lationsregimes innerhalb der Gesellschaften sichtbar macht. Es ist absehbar, dass die Folgen  der »Corona-Krise« die europäischen Gesellschaften langfristig verändern werden. Angesichts  möglicher Wohlstandsverluste und Insolvenzen, die kleine und mittlere Unternehmen und  ihre Beschäftigten in besonderem Maße treffen, warnte der parlamentarische Geschäftsfüh rer der FDP-Bundestagesfraktion, Marco Buschmann, bereits vor einer »Revolution der Mit telschicht«. So drohen neben langfristigen sozialstrukturellen und ökonomischen Verschie bungen neue Konfliktlinien und Artikulationsformen von politischem Protest, bei denen der  sogenannten Mittelschicht – dem klassischen Elektorat antiliberaler und rechtspopulistischer  Parteien – eine Schlüsselrolle zukommt. 

Dennoch sind die Reaktionen von Rechtspopulist:innen und illiberalen Systemen im Zuge der  »Corona-Krise« inhaltlich diffus und strategisch widersprüchlich. Während Victor Orbán (Ungarn) die Gunst der Stunde zur weitgehenden Entmachtung des Parlaments nutzte, verbrei tete Aleksandar Vučić (Serbien) zunächst apokalyptische Szenarien und hob die drastischen  Einschränkungen des öffentlichen Lebens für eine umstrittene und von der Opposition weit gehend boykottierte Parlamentswahl kurzfristig wieder auf. Donald Trump (USA), Aljaksandr  Lukaschenka (Belarus) und Jair Bolsonaro (Brasilien) relativierten dagegen von Anfang an die  gesundheitlichen Gefahren des Virus und untergruben damit langfristig ihre Legitimität.  Rechte Oppositionsparteien wie die AfD, der Rassemblement National (Frankreich) oder die  FPÖ (Österreich) folgten der paradoxen Analyse, dass die Regierungen zu spät und inkonse quent gehandelt hätten, kritisierten anschließend die temporären Freiheitseinschränkungen  im Zuge des Lockdowns als unnötig und überzogen und vollzogen den Schulterschluss mit  neuen Protestbewegungen. In Portugal wiederum unterstützte die bisher unbedeutende  rechtspopulistische Partei Chega die Maßnahmen der Regierung durch eine rassistische Kam pagne und konnte ihre Stimmenanteile laut Umfragen vervierfachen. 

In den politisch ambivalenten Anti-Corona-Protesten und den neu entstandenen Single-Issue Bewegungen wie »Widerstand 2020« oder »Querdenken-711« wuchs in der Zwischenzeit ein  neuer Nährboden für eine Melange aus postideologischem Populismus, direkter Demokratie, Verschwörungsmythen und politischer Esoterik. Bereits 2014 führte eine ähnliche Mischung  von disparaten Ideologiefragmenten zur Entstehung der Pegida-Bewegung. Die Akteure der  metapolitisch agierenden Neuen Rechten wiederum beobachten diese Prozesse und versu chen sie in langfristige Strategien und neue Allianzen zu überführen. Die »Corona-Krise«  könnte sich somit als Anstoß für neue Themensetzungen und rechte Kampagnen erweisen. 

Diese Reaktionen und Entwicklungen wollen wir auf unserer Tagung einer interdisziplinären  Analyse unterziehen und die Konsequenzen und Gefahren für die liberale Demokratie disku tieren. Dafür suchen wir Beiträge, die Diskurse, metapolitische Strategien und politische Inter ventionen analysieren und ihren sozioökonomischen und kulturellen Resonanzboden in den  Blick nehmen. Aufbauend auf diesen Analysen gilt es der Frage nach mittel- bis langfristigen  Strategien an der Schnittstelle von Wissenschaft und Zivilgesellschaft nachzugehen. Neben  theoretischen und empirischen Beiträgen aus Soziologie, Politikwissenschaft und angrenzen den Feldern laden wir insbesondere zur Einreichung von Beiträgen von zivilgesellschaftlichen  Akteur:innen sowie aus der Parteien-, Protest-, Bewegungs-, Gouvernementalitäts- und Ein stellungsforschung ein, die einen der folgenden Themenschwerpunkte behandeln:

1. Gouvernementalität im Ländervergleich 

Mit welchen Maßnahmen reagieren verschiedene Regierungen auf die Pandemie? Wie  werden die Eindämmungsmaßnahmen umgesetzt und in gouvernementale Projekte  eingebettet? Welche Konflikte und Widersprüche treten dabei auf? Gibt es im Hinblick  auf die Eindämmungsmaßnahmen eine spezifische (rechts-)populistische Gouvernementalität? 

2. Strategien und Entwicklungen außerparlamentarischer und oppositioneller Akteure

Wie haben Akteur:innen außerparlamentarischer Bewegungen und oppositioneller  Parteien auf die Pandemiemaßnahmen reagiert? Welchen Einfluss hat Regierungshan deln auf ihre Themen und Mobilisierungsstrategien? Welche Perspektiven, Dynamiken  und Bündniskonstellationen ergeben sich aus den neuen Protestbewegungen? 

3. Deutungsmuster, Narrative, Feindbilder und Diskursformationen Mit welchen Deutungsmustern werden die Corona-Pandemie und die staatlichen Maß nahmen von ihren Kritiker:innen analysiert? Welche Metaphern und Narrative wurden  im Verlauf der Krise verbreitet, welche Framingstrategien benutzt? Wie haben sich da bei Formen und Funktionen von Feindbildkonstruktionen verändert? Welche (neuen)  Positionierungen und Diskursformationen lassen sich abgrenzen? 

4. Verschwörungsmentalität und autoritäre Potentiale 

In welchem Verhältnis stehen autoritäre Dispositionen und verschwörungsideologi sche Deutungsmuster zueinander? Wie und durch welche politischen Akteur:innen  wurde eine vorhandene Verschwörungsmentalität in der Corona-Krise adressiert?  Welche sozialstrukturellen und sozialpsychologischen Strukturen begünstigen den  Glauben an Verschwörungstheorien? Wie hat sich die Verbreitung von autoritären Dis positionen in der Bevölkerung durch Corona verändert? Welche autoritären Potentiale  lassen sich unterscheiden? 

5. Politische Ökonomie, Sozialstruktur und Radikalisierung der Mittelschichten

Welche langfristigen Auswirkungen haben die Pandemiemaßnahmen auf sozialstruk turelle und ökonomische Konflikte sowie soziale Ungleichheit? Welches Mobilisie rungspotential erwächst daraus für rechte und populistische Parteien und Bewegun gen? Welche Folgen hat eine »Radikalisierung der Mittelschicht« für die politische Re präsentation und das Modell der liberalen Demokratie? Wie verändern sich Geschlech terverhältnisse durch neue Formen vergeschlechtlichter Arbeitsteilung im Home Office? Welche politischen Konfliktlinien und Agendasetzungen innerhalb europäi scher Post-Corona-Gesellschaften sind absehbar? 

6. Demokratische Antworten auf die Krise 

Welche Auswirkungen haben die Pandemie und die mit ihr einhergehenden Einschränkungen auf demokratische Freiheitsrechte sowie Struktur und Funktionsweise der Demokratie? Wie kann eine zivilgesellschaftliche Resilienz gegenüber autoritärer Krisenbewältigung gefördert werden? Inwiefern lässt sich die Ausweitung von politischer und Wirtschaftsdemokratie als Gegenbewegung organisieren? 

Die Tagung findet vom 16. September 2021, 13 Uhr bis zum 17. September 2021, 18 Uhr in  Leipzig statt. Wir laden Sie herzlich ein, sich mit einem Abstract (max. 500 Wörter) und einem  Kurzlebenslauf an papropo@posteo.de bis zum 31. Januar 2021 zu bewerben.  

Gewünscht sind sowohl wissenschaftliche Beiträge für Panels als auch (kurze) Projekt- und  Erfahrungsberichte von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen für Impulsvorträge und Kleingruppendiskussionen. Wir begrüßen insbesondere auch Einsendungen von Nachwuchswissenschaftler:innen. 

Unterkunft und Reisekosten können für Referent:innen, die über keine institutionelle Förde rung verfügen, übernommen werden. 

Mit freundlichen Grüßen 

Tobias Fernholz 

Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität, Universität Tübingen 

Matheus Hagedorny 

Universität Potsdam 

Felix Schilk 

Technische Universität Dresden 

Richard Siegert 

Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität, Universität Tübingen 

Prof. Dr. Fabian Virchow 

FORENA, Hochschule Düsseldorf 

Friedemann Brause 

Sächsische Landeszentrale für Politische Bildung 

Die Tagung ist ein gemeinsames Projekt von Stipendiat:innen der Hans-Böckler-Stiftung, der  Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextre mismus/Neonazismus der Hochschule Düsseldorf und dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.

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Redaktion TolSax

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