Neue Broschüre zu rechtsterroristischen Online-Subkulturen und Gegenstrategien

Titelbild der Broschüre „Rechtsterroristische Online-Subkulturen. Analysen und Handlungempfehlungen“ der Amadeu Antonio Stiftung. (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung)

Autor_innen: Amadeu Antonio Stiftung

Schwerpunkt Rechtsterrorismus: “Er hat sich im Internet radikalisiert“ – was heißt das eigentlich, wenn wir das über rechtsextreme Attentäter sagen? In plattformübergreifenden Online-Netzwerken hat sich eine rechtsterroristische Subkultur entwickelt, die popkulturelle Elemente adaptiert und sich eigener Codes, Bilder und Sprache bedient. Vor allem Jugendliche finden über diese Netzwerke den direkten Weg in den gewaltbereiten Teil der Szene, ohne zuvor persönliche Kontakte zu Rechtsextremen zu haben. Das ergibt die Analyse „Rechtsterroristische Online-Subkulturen – Analysen und Handlungsempfehlungen“ der Amadeu Antonio Stiftung.

Eltern oder Erzieher*innen möchten sich das oft lieber nicht wahrhaben, aber manche, auch sehr junge, Jugendlichen suchen und finden im Internet Anschluss an und Bestätigung durch rechtsterroristisch orientierte Netzwerke. Sie werden Teil der Online-Kommunikation von Menschen, die nicht nur rechtsextreme Ideologie teilen, sondern auch Attentats- und Vernichtungsfantasien, die nicht selten auch zu konkreten Planungen werden.  Rechtsterroristische Online-Netzwerke existieren plattformübergreifend und umfassen Messenger-Dienste, Imageboards, Foren, Soziale Netzwerke sowie Video- und Gaming-Plattformen. In diesen Netzwerken wird Rechtsterrorismus glorifiziert, es werden potenzielle Nachahmer zu Taten angestiftet und mit Anleitungen zur Anschlagsplanung versorgt.

“Durch die Adaption popkultureller Elemente hat sich eine spezielle Ästhetik der Gewalt herausgebildet, die sich in eigenen Bildern, Sprache und kulturellen Codes zeigt. Damit spricht diese Subkultur besonders junge Menschen an. Außenstehende verstehen die Codes nicht, die Jugendlichen feiern online Gewaltexzesse und Rechtsterroristen, bis sie selbst bereit sind, sich in ihrer eigenen Community als “Heilige” verehren zu lassen – durch ein Attentat. Es startet wie ein Spiel, doch Attentate wie Christchurch und Halle zeigen, wie tödlich diese Radikalisierung enden kann erklärt Thilo Manemann, Autor der Publikation und Monitoring-Mitarbeiter des Projektes De:Hate der Amadeu Antonio Stiftung. Zu dieser Subkultur gehören neben Insiderbegriffen und Memes auch eine eigene Ästhetik, die sich in Videos als eigenes Genre unter dem Namen „Fashwave“ verorten lässt, einer Mischung aus „fascism“ und „wave“.

Rechtsterrorismus wird zur Unterhaltungskultur

Doch die poppige Aufmachung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in rechtsterroristischen Online-Communites vor allem um Mordfantasien aus rassistischen, antisemitischen, islamfeindlichen oder misogynen Gründen geht. “Rechtsterroristen sammeln Punkte und werden in Bestenlisten geführt, ihre schriftlichen Ausführungen werden weltweit verbreitet, ihre Anschläge live übertragen und von Tausenden verfolgt. Die Terroristen werden zu Helden stilisiert. Ihre Terrorakte werden wie eine Unterhaltungskultur wahrgenommen“, führt Manemann aus. Die Grenze, wann aus solchen Online-Beschäftigungen reale Gefährdungen werden, ist dabei nicht leicht zu ziehen, was den Umgang zusätzlich erschwert.

“Rechtsterroristische Online-Subkulturen sind auf dem Vormarsch – und sie werden immer gefährlicher. Obwohl sie weitestgehend anonym agieren, gelingt es den Online-Communities, den häufig desillusionierten, teilweise minderjährigen Mitgliedern der Community das Gefühl zu geben, dass sie Helden werden können – wenn sie eine rechtsterroristische Tat begehen”, erklärt Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung. „Noch während Nachahmer durch Livestream-Morden angestachelt werden, beteuern die Rechtsextremen, dass die menschenverachtenden Memes und popkulturellen Elemente der Subkultur nur eine spezielle Form von Humor seien. Auf die Verharmlosung fallen Sicherheitsbehörden viel zu oft herein.“ Mit ihrem autonomen Handeln sowie der autonomen Organisation verfolgen sie die Strategie des ‘Führerlosen Widerstandes’, der Sicherheitsbehörden vor große Herausforderungen stellt.

Terrorprävention muss Online-Subkulturen in den Blick nehmen

Doch diese rechtsterroristischen Netzwerke sind nicht nur ein Fall für Sicherheitsbehörden, sondern auch für die Zivilgesellschaft und die pädagogische Prävention – gerade, wenn es um Jugendliche geht. Denn Veränderungen im (Online-)Verhalten fallen immer noch am meisten im direkten Umfeld auf – wenn die entsprechenden Anzeichen erkannt werden. Doch was tun, wenn bei Jugendlichen in der Schule, im Freundeskreis oder in der Familie solche Interessen bemerkt werden?

Mit ihrer neuen Handreichung möchte die Amadeu Antonio Stiftung genau dabei unterstützen, rechtsterroristische Tendenzen im eigenen Online-Umfeld zu erkennen. Sie gibt einen Überblick über das Phänomen und die Funktionsweise von rechtsterroristischen Online-Subkulturen und erklärt anhand von praktischen Beispielen, wie Pädagog*innen mit Jugendlichen umgehen können, bei denen sie entsprechende Affinitäten vermuten oder finden.

Daraus ergibt sich außerdem die Notwendigkeit für

  • Fortbildungen über rechtsterroristische Online-Subkulturen für Strafverfolgungsbehörden
  • Stärkung von Anlauf- und Beratungsstellen für Betroffene rechtsextremer Gewalt und Angehörige (potenzieller) rechtsextremer Täter*innen
  • Ausbau von Digital Streetwork, um gefährdete Jugendliche direkt in Online-Communities von ausgebildeten Pädagog*innen oder Sozialarbeiter*innen anzusprechen
  • eine mediale Berichterstattung, die Tätern keine Bühne zu bietet, indem sie auf die Nennung der Täter-Namen und unerläuterte Zitate aus deren “Manifesten” verzichtet.  Medien die Taten entsprechend benennen, dabei aber auf die Nennung der Täter und auf die Wiedergabe ihrer Ausführungen verzichten

Weitere Informationen hier

Download der Broschüre hier (PDF)

Amadeu Antonio Stiftung

Die Amadeu Antonio Stiftung reagiert auf eine rechtsextreme Alltagskultur, die sich vor allem in den neuen Bundesländern verankert hat. Das Ziel der Stiftung ist es, eine zivile Gesellschaft zu stärken, die dem Problem entschieden entgegentritt. Dafür unterstützt sie Initiativen und Projekte, die kontinuierlich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus vorgehen, sich für eine demokratische Kultur engagieren und für den Schutz von Minderheiten eintreten. Die wichtigste Aufgabe der Amadeu Antonio Stiftung: Lokale Akteurinnen und Akteure über eine finanzielle Unterstützung hinaus zu ermutigen, ihre Eigeninitiative vor Ort zu stärken.