Engagement trotz Corona!? Neue Wege der Demokratiearbeit in Sachsen.

Autor_innen: Maren Düsberg und Robert Kusche, Geschäftsführer*innen der RAA Sachsen e.V. für zukunftslabor-ost.de

Die RAA Sachsen ist als freier Träger in der Demokratiearbeit normalerweise vor Ort und nah an den Menschen. In drei großen Arbeitsbereichen widmen wir uns dem Thema Demokratiestärkung. Bildung und Förderung bieten wir mit langfristigen Fortbildungsformaten Schulen, Jugendeinrichtungen und spezifischen Zielgruppen wie der Feuerwehr an. Beratung und Unterstützung bieten wir für Betroffene rechter und rassistischer Gewalt – face to face, online und telefonisch. Lokale Erprobung betreiben wir im ostsächsischen Bernsdorf mit Bildungs- und Gemeinwesenprojekten, die Strukturaufbau und Empowerment unterstützen.

Beratungs-, Bildungs- und Begegnungsarbeit in Zeiten von Corona? Nach dem ersten Lockdown zunächst einmal Fehlanzeige.

Unser Team organisierte in der Zeit vor der Pandemie Workshops für Jugendliche aus ganz Sachsen, die in ihrem (Schul-)Umfeld etwas gegen Diskriminierung und Ungleichheit tun wollen, bot individuelle Unterstützung und konkrete Beteiligungsformate für Schüler*innen in Schulen an, saß in Ausschüssen und Gremien, um unsere Themen zur Sprache zu bringen, beriet Betroffene von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in intensiven Einzel- und Gruppengesprächen, bildete Freiwillige in Seminaren für die Arbeit in einer mehrsprachigen Hotline für Zugewanderte in Dresden aus, lud Menschen jeden Alters zu Treffen und Kursen ins Mehrgenerationenhaus Bernsdorf ein, entwickelte Mitmach- und Hilfsangebote für Jugendliche im ländlichen Raum und war Mitorganisator des mit 200 Menschen geplanten Stiftungshearings Oh… wie Ostdeutschland in Dresden.

Plötzlich war alles anders. Wir saßen im Homeoffice, schrieben Konzepte, mailten, statt uns mit Kooperationspartner*innen zu treffen, beriefen Videokonferenzen ein und hofften, den Kontakt zu unseren
Zielgruppen nicht völlig zu verlieren.

Demokratiearbeit in Zeiten von Corona – für uns ist es eine Zeit des Lernens

Aber dann setzte die Kreativität ein. Die Berater*innen stellten auf Videochats und Telefonate um, lernten, Konferenzschaltungen mit Dolmetscher*innen zu organisieren und Teamberatungen per Videokonferenz durchzuführen. Wir entwickelten neue Raster und Dokumente, geteilte To-Do-Listen und strukturierte
Diskussionen in Breakouträumen. Die Sozialarbeiter*innen riefen Jugendliche zu Challenges bei instagram auf und trafen sich zu Einzelgesprächen bei Spaziergängen im Park. Statt Angeboten im Mehrgenerationenhaus organisierten die Kolleg*innen Fahr- und Bringdienste, richteten Telefonsprechstunden und regelmäßige „Lebenszeichen“ per facebook ein und unterstützten
Hilfseinrichtungen wie die Tafel. In den Schulen halfen die Schulsozialarbeiterinnen bei der Notbetreuung, erarbeiteten Linksammlungen für Eltern zur Unterstützung von Bildungs- und Freizeitideen und brachten
Lernmaterial zu den Familien, deren Weg zur Schule schwieriger zu bewältigen war.

Zunächst einmal konnten wir feststellen, dass es uns vergleichsweise gut geht. Alle Gehälter können weiter gezahlt werden, weil die Fördermittelgeber sehr flexibel sind. Teilweise gibt es Zusatzmittel für
coronabedingte Umstellungen. Das gibt uns die Grundsicherheit, unsere gewohnte Arbeitsweise anzupassen und neue Wege zu gehen. Wie aber die Zukunft aussieht ist ungewiss, wir glauben nur, dass die Investition in Menschen und soziale Arbeit essentiell ist, um gut aus der Krise herauszukommen.

Unser Team hat auch während der Kontaktbeschränkungen gut zu tun – Angriffe auf Menschen mit asiatischem Aussehen (siehe Podcast), gehäufte Fragen zu Corona in unserer Hotline, Kinder und Jugendliche, die von den Bildungseinrichtungen nicht erreicht werden, problematische Elternhäuser haben oder mit der Isolation nicht zurechtkommen, ältere Menschen, die von Vereinsamung akut bedroht sind, und gleichzeitig gesellschaftliche Bewegungen, die vermeintlich um Grundrechte kämpfen und bei näherem Hinsehen zur neuen Plattform für Populist*innen und Verschwörungstheoretiker*innen werden – das alles beschäftigt uns.

Corona ist auch eine Herausforderung für die demokratische Gesellschaft

Die „Anti-Corona-Proteste“ in Sachsen unterstreichen das hohe Mobilisierungspotential der rechten Szene in Sachsen und bauen auf einen weit verbreiteten Rassismus, Antisemitismus sowie auf Verschwörungsideologien auf. Der Sachsen Monitor bestätigt, jedes Jahr aufs Neue, dass diese
Einstellungen weit verbreitet sind.


Und die rechte Szene nutzt – seit Jahren in Sachsen – jede denkbare Gelegenheit um die Gesellschaft zu spalten und marginalisierte Gruppen anzugreifen und zu stigmatisieren. Eine zweite Welle ist daher auch eine Herausforderung für die demokratische Gesellschaft. Der aktuelle Diskurs um Corona birgt das Risiko, dass mehr Menschen Opfer von Diskriminierung und Gewalt werden, denn wie wir aus der Geschichte wissen, werden Schuldige gesucht, als solche markiert und nicht selten angegriffen. Dies zu verhindern und eine demokratische Öffnung zu gestalten ist die Aufgabe der nächsten Wochen, Monate und wenn nicht gar Jahre.

Positiv dabei: an den Gedenkdemonstrationen für George Floyd der letzten Wochenenden haben sich weit mehr – vor allem junge Menschen – beteiligt als von den Veranstaltern erwartet. Dies zeigt, dass es eine Sensibilisierung für das Thema gibt und junge Menschen Ungerechtigkeit und das Verhalten von
Behörden
nicht mehr unhinterfragt hinnehmen. Das gibt Hoffnung.

Gesellschaftliche Ungleichheiten kommen noch stärker zum Vorschein

Dennoch bemerken wir, dass durch die Krise gesellschaftliche Ungleichheiten noch stärker zum Vorschein kommen. Auch wenn – glücklicherweise – im Jahr 2019 rechte und rassistische Gewalt rückläufig ist, verstärken rechtsterroristische Anschläge wie in Halle und Hanau das Unsicherheitsgefühl bei vielen gesellschaftlichen Gruppen enorm. Die Pandemie wirkt dabei wie ein Katalysator, wodurch Wohnungslose und Zugewanderte noch stärker ausgegrenzt und benachteiligt werden, Kinder aus bildungsfernen Verhältnissen den Anschluss verlieren, Jugendlichen, die auf der Suche sind, ihre peer groups und erwachsene Ansprechpartner*innen außerhalb der Kernfamilie fehlen und Menschen mit geringen sozialen Anknüpfungspunkten noch den letzten Kontakt zur Außenwelt verlieren. Die Studie der Universität Hildesheim, zu der Frage wie Jugendliche die Corona-Krise erleben, bestätigt unsere Wahrnehmung. Durch die Pandemie wird uns noch einmal mehr verdeutlicht, wo unsere Aufgaben sind, für wen wir kämpfen und welche Missstände wir immer wieder benennen werden.

Aber wir lernen auch, dass unsere bisherigen Arbeitsweisen nicht alternativlos sind. Wir werden weiterhin im direkten Kontakt mit den Menschen bleiben, aber digitale Formate weiter ausbauen, da sie ein
gleichwertiger Kommunikationsweg sein können. Wir werden gut überlegen, ob bundesweite Netzwerktreffen physisch stattfinden müssen oder wir für Klima und Geldbeutel auf Videokonferenzen zurückgreifen können. Und wir arbeiten jetzt an neuen Kooperationen mit Partner*innen, mit denen wir erst in der Krise Gemeinsamkeiten gefunden haben oder mit denen Kooperationen nur digital Sinn ergeben.

In Sachsen öffnen sich mehr und mehr Einrichtungen und Sektoren wieder. Es gibt das Gefühl, zurück zur Normalität zu kommen. Wir kehren zurück mit einem geschärften Blick und neuen Ideen.

Aus der Reihe „Engagement trotz Corona!? Stimmen aus der Zivilgesellschaft“ des Zukunftslabors Ost

Support für Betroffene rechter Gewalt (RAA Sachsen)

Support - die Beratung für Betroffene rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt des RAA Sachsen e.V. berät und unterstützt sowohl Betroffene als auch Angehörige, Freunde und Freundinnen der Betroffenen und Zeug_innen eines Angriffs.