Engagement trotz Corona!? Stimmen aus der Zivilgesellschaft: NDK Wurzen

Autor_innen: Martina Glass vom Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. Wurzen für zukunftslabor-ost.de

Die Kontaktverbote bzw. -beschränkungen wirken sich ganz elementar auf unsere Arbeit aus, die grundlegend im zwischenmenschlichen Kontakt liegt, der thematischen Diskussion, der direkten Ansprache von Problemlagen vor Ort und der Durchführung inhaltlicher Veranstaltungen, Workshops, Kampagnen und Gesprächsangeboten. Momentan können wir eigentlich nur konzeptionell und (virtuell) informativ arbeiten. Das genügt aber nicht. Wir erreichen jährlich mit unserer Arbeit bis zu 7000 Menschen, davon sind bestimmt 1500 Teilnehmer*innen unserer verschiedenen Bildungsveranstaltungen zum Thema Rassismus, Globale Gerechtigkeit, Flucht, Interkulturelle Kompetenz, Demokratisch Handeln und vieles mehr. Hier zeigt die Erfahrung, dass eine Reflexion der eigenen Position nur im gemeinsamen Diskurs passieren kann und nicht nur durch Arbeitsblätter und zu lesende Texte. Der Bedarf ist da, die Nachfragen der Schulen und anderer Bildungsträger hoch und wir stehen vor der Aufgabe neue Konzepte zu entwickeln, die auch ohne persönlichen Kontakt funktionieren und dennoch wirkungsvoll sein sollen. Diese Form der Bildungsarbeit ist neu für uns und verlangt viele zeitliche Ressourcen von uns. Uns ist es aber ein wichtiges Anliegen, die getroffenen Vereinbarungen auch umzusetzen.

Weitere 1000 Menschen erreichen wir über unsere offenen thematischen Veranstaltungen, Begegnungsangebote, Sprachkurse und unser offenes Haus. Vor allem für Geflüchtete und Migrant*innen, die das Haus als Treffpunkt nutzen und hier regelmäßig das Gespräch suchen und den Kontakt zu uns und zu anderen Migrant*innen, ist es in dieser Zeit schwer. Ihnen fehlt dieser so wichtige Kontakt und die Beziehungen. Hier versuchen wir über Einzelbesuche und vor allem Chatgruppen einander nah zu bleiben.

Jede Veranstaltung muss gerade neu gedacht und geplant werden, eine gute technische Ausrüstung (die wir noch gar nicht haben, ebenso wie eine schnelle Internetverbindung, die im ländlichen Raum nicht immer die beste ist) und Know-How ist notwendig, um Kulturveranstaltungen ansprechend an die Zielgruppe zu bringen. Wir sind kreativ und haben Ideen, aber leider verfügen viele Menschen, die wir im ländlichen Raum zu erreichen versuchen, über keine besonders guten technischen Voraussetzungen und Wissen in Bezug auf den Umgang mit dieser Technik (hier zeigen sich wieder Defizite des ländlichen Raumes und das sich Menschen, die hier leben viel schneller in solchen Situationen abgehängt fühlen). Dazu kommt, das die Diskussion zu Themen, die gesellschaftlich oben auf liegen, digital eher weniger gut funktioniert, da Menschen sich hier völlig anders verhalten. Darüber hinaus besteht die Gefahr, wie bereits in Plauen bei einem Webinar zum „Dritten Weg“ geschehen, dass diese Veranstaltungen massiv gestört werden durch Teilnehmer*innen und der Ausschluss zwar möglich, aber sehr aufwendig ist. Den geschützten Raum zur Bildung und zum Austausch können wir so nicht mehr 100% gewährleisten. Dennoch werden wir verschiedene Möglichkeiten von der Postwurfsendung über Vorträge im Netz oder auch digitale Workshops nutzen. Es ist eine große Herausforderungen das komplette analoge Programm in einen Plan umzuwandeln und wir sind hauptsächlich damit beschäftigt im Moment, aber noch größer ist die Herausforderung, dass die Themen und Inhalte die Zielgruppe erreichen und unsere Arbeit wirkungsvoll ist, denn das ist unser Anspruch.

Unsere Vernetzungsarbeit läuft gerade auf Sparflamme, obwohl sie so wichtig ist auch für die strategische Arbeit und als Schutz. In der nahen Vergangenheit waren wir häufig Ziel von Angriffen rechter und
rechtspopulistischer Bewegungen. Unser Haus wurde beschädigt, wir wurden diffamiert im Netz und auf  Kundgebungen Unwahrheiten verbreitet. Wir hatten es schwer, uns von diesen Angriffen zu erholen und konnten dies nur durch ein gutes Netzwerkes und Unterstützer*innen vor Ort. Geholfen hat uns aber auch, dass wir in die Öffentlichkeit gegangen sind und mit vielen Menschen persönlich gesprochen haben. Die persönliche Beziehung und das Gespräch sind Grundvoraussetzungen für den Erfolg unserer Arbeit. Je länger diese Phase des fehlenden persönlichen Kontakts andauert, desto schwieriger wird der „Neubeginn“.

Aus der Reihe „Engagement trotz Corona!? Stimmen aus der Zivilgesellschaft“ des Zukunftslabors Ost

Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. (NDK)

Das Netzwerk für Demokratische Kultur macht mit Bildungs- und Kulturprojekten Demokratie greifbar - in Wurzen und in den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen.